Bild zum Thema

Zitat Georg Dehios, 1905

Submenue

Bilderklärung

Bildmotiv oben: Ritzzeichnung im Hohen Chor des Aachener Domes
Hintergrund: Bauaufnahme des Aachener Domes von Franz Krause, 1911
© für beide: Landschaftsverband Rheinland, Rheinisches Amt für Denkmalpflege

Zeitschichten freilegen

Anlässlich des 100. Jubiläums des Handbuchs der Deutschen Kunstdenkmäler von Georg Dehio haben dessen Herausgeber eine umfangreiche Ausstellung zur Geschichte und Gegenwart der Denkmalpflege in Deutschland präsentiert. Dabei bestimmte die Arbeit von Konservatoren und Restauratoren in der Denkmalpflege - das Identifizieren, Dokumentieren und Konservieren von Zeit-Schichten - die Vorgehensweise der Ausstellungsmacher, und das in zweierlei Hinsicht.
Zum einen waren die Ausstellungsobjekte so ausgewählt, dass die unterschiedlichen Schichten des Umgangs mit einem Denkmal sichtbar wurden. So standen die originalen Zeugnisse von Bauwerken, die in der Ausstellung zu sehen waren, nie allein und ohne den zugehörigen Kontext im Raum. Ihnen zur Seite fanden sich stets auch Planungsskizzen und Kommentare, Bauaufnahmen, Grabungsfunde, zeichnerische Studien und Modelle. Desgleichen präsentierte die Ausstellung Diskussionsbeiträge sowie Konzepte und Dokumente von Restaurierungen.

Zum anderen war die Ausstellung selbst so gestaltet, dass verschiedene Zeitschichten Durchblicke und Vergleiche mit Zuständen vor- und nach Restaurierungen ermöglichten, Veränderungen am Denkmal deutlich wurden und die Besucher nachvollziehen konnten, wie und unter welchen Umständen sich die bauliche Umwelt verändert hat. Insgesamt erfuhren auch solche Gegenstände der Denkmalpflege eine anschauliche und interpretierende Darstellung, die auf den ersten Blick rätselhaft und für einen Laien unverständlich wirken.

Das gilt unter anderem für die Ritzzeichnungen in der Chorhalle des Aachener Domes, die das Rheinische Amt für Denkmalpflege mit neuesten wissenschaftlichen Methoden interpretiert hat und deren dichte Informationsschichten damit sichtbar geworden sind. In den Zeichnungen, die über Jahrhunderte hinter dem Chorgestühl des gotischen Hochchores verborgen waren, sind sämtliche Anweisungen enthalten, die zur Errichtung des Baus für die beteiligten Handwerker notwendig waren: die Form und Größe von Fenstern, Maßwerk und Fialen, die Stärke von Diensten, die Neigung und Ausdehnung von Bögen und vieles mehr. Alles hatten geniale Werk-Meister in komprimierter Form auf die Wand geritzt, so dass der Baubetrieb reibungslos verlaufen konnte. Wichtig war nur, dass jeder Beteiligte die Schichten des Planes richtig interpretieren und für sich nutzbar machen konnte.

Solche Schichten zu erkennen, sie zu verstehen und zu deuten ist eine ebenso wichtige wie faszinierende Aufgabe der Denkmalpflege. So öffnen diese Zeichnungen einen Blick in den Bauhüttenbetrieb des hohen Mittelalters, zeigen sie Steinmetze, die Schablonen für die großen Schmuckmaßwerke der Fenster bauen, Handwerker, die mit Zirkel und Reißschiene Maße für Arkadenbögen abnehmen und einen Baumeister, der das, was in der Horizontalen keinen rechten Platz mehr findet, in genialer Einfachheit diagonal in die komplexe Zeichnung einritzt. Seine Bauleute wussten die Schichten schon freizulegen. In ähnlicher Weise wird die Ausstellung Geschichten von Denkmalen freilegen und anschaulich machen - Episoden um ihre Entstehung und Nutzung, Hintergründe ihrer Umgestaltung, Stationen ihrer Restaurierung.

Content managed by Sitepark InfoSite 5